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Industrialisierung der Raumfahrt: das ZRK bei den Austrian Space Days 2026

Rund 700 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, ESA-Generaldirektor Josef Aschbacher auf der Bühne und ein Leitbegriff, der dem ZRK vertraut ist: Resilienz. Johannes Göllner war am 14. Oktober 2026 für das ZRK im VIE Conference Center am Flughafen Wien.

Am 14. und 15. Oktober 2026 fanden im VIE Conference Center am Flughafen Wien die Austrian Space Days 2026 statt, ausgerichtet von accent Inkubator und Brimatech. Kooperationspartner waren die ESA, das Bundesministerium für Innovation, Mobilität und Infrastruktur, die FFG, die WKÖ und das Land Niederösterreich.

Das ZRK war am ersten Konferenztag durch seinen Vorstandsvorsitzenden Dipl.-Ing Johannes Göllner, MSc vertreten. Dieser Bericht gibt deshalb den 14. Oktober wieder und folgt seinen Notizen und Aufnahmen. Der zweite Tag, der den Übergängen in andere Branchen galt - Skalierung, Qualitätssicherung, Plattformökonomie -, ist hier nicht enthalten.

Industrialisation by Design

Das Leitthema stand im Untertitel des Tages: „Industrialisation by Design“. Gemeint ist der Schritt von der Einzelanfertigung zum industriellen Produkt - Raumfahrtsysteme, die von Beginn an auf Serie, Zuverlässigkeit und Kosten hin entworfen werden, statt als Einzelstück für eine einzige Mission.

Die Gastgeber Susanne Katzler-Fuchs (CEO Brimatech) und Michael Moll (CEO accent) eröffneten mit ein paar Zahlen zur Veranstaltung selbst: Vor sechs Monaten hat die Planung begonnen, gekommen sind rund 700 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Konferenzsprache war Deutsch, etwa ein Fünftel des Publikums englischsprachig - für sie lief eine Live-Übersetzung mit. Die Raumfahrt, hieß es am Vormittag, wächst derzeit um rund zehn Prozent im Jahr.

Es folgten die Begrüßungen durch Johanna Mikl-Leitner (Landeshauptfrau von Niederösterreich), Petra Oberrauner (Nationalrat, Sprecherin für Forschung, Innovation, Technologie und Weltraumangelegenheiten), Stephan Pernkopf (Landeshauptfrau-Stellvertreter von Niederösterreich) und Günther Ofner (Vorstand der Flughafen Wien AG).

Die ESA-Keynote: das bisher dichteste Jahr

Die Keynote hielt Josef Aschbacher, Generaldirektor der ESA, unter dem Titel „ESA accelerates Austrian space commercialisation“. Ab hier wechselte die Konferenz ins Englische. Seine Jahresbilanz: bis zu 65 neue ESA-Missionen und Satelliten starten 2026, mehr als 30 davon sind bereits oben.

Beim eigenständigen Zugang zum Weltraum setzt die Agentur auf die European Launcher Challenge, bei der mehrere europäische Anbieter gegeneinander antreten. Die nächste Generation der Ariane - in der Keynote als Ariane 7 bezeichnet - soll nicht mehr bei der ESA selbst entstehen, sondern bei Industriepartnern.

Zur Erdbeobachtung nannte Aschbacher Copernicus als weltgrößten Anbieter von Erdbeobachtungsdaten: 500 Terabyte Sentinel-Daten gehen täglich an die Gesellschaft, bei freier und offener Datenpolitik. Und zum Kapital: 1,6 Milliarden Euro haben europäische Raumfahrtunternehmen allein im ersten Halbjahr 2026 eingesammelt, das ESA Investor Network zählt 105 Investoren mit 172 Milliarden Euro verwaltetem Vermögen. Für die Agentur selbst formulierte er drei Bausteine - Finanzierung, Entbürokratisierung und ein Sprung bei der Innovation - unter vier Verben: vereinfachen, zusammenarbeiten, umsetzen, liefern.

Eine Folie galt der Resilienz. „European Resilience from Space“ beschreibt den Weg von heutigen Einzelsystemen über eine Zwischenschicht, die europäische Programme, nationale Systeme und kommerzielle Fähigkeiten verbindet, hin zu einem föderierten Ökosystem: durchgehende Abdeckung, schnellere Reaktion, skalierbare Kapazität, Redundanz. In der Sache ist das genau die Logik, die Risiko- und Krisenmanagement am Boden beschreibt - nur 500 Kilometer weiter oben.

„Conditions for Liftoff“: Geopolitik als Rahmenbedingung

Prof. Dame Fiona Murray, MIT und Vorsitzende des Boards des NATO Innovation Fund, sprach über die Bedingungen, unter denen europäische Raumfahrt-Ökosysteme wachsen können. Ihr Ausgangsbild war ungemütlich: 61 aktive zwischenstaatliche Konflikte im Jahr 2024, so viele wie seit den 1980er-Jahren nicht; 91 Prozent der weltweit raffinierten Seltenen Erden kommen aus China, rund 90 Prozent der modernsten Logikchips aus Taiwan.

Interessant war ihre Ordnung des Feldes: Verteidigung, Sicherheit und Resilienz als drei aufeinander aufbauende Schichten. Bei der Verteidigung sind Bedarf, Zuständigkeit und Beschaffung klar geregelt. Bei der Sicherheit sind sie fragmentiert, mehrere Behörden teilen sie sich. Bei der Resilienz gibt es laut ihrer Darstellung keinen Eigentümer: Die Anlagen gehören den Betreibern, der Staat setzt Standards, die Kapazität für den Krisenfall ist nirgends festgeschrieben. Wer sich mit kritischer Infrastruktur beschäftigt, kennt diese Lücke.

Ihre zweite Botschaft galt den Innovations-Ökosystemen: Nicht das Konzernlabor, sondern das junge Unternehmen im dichten regionalen Verbund aus Universität, Kapital, Staat und Industrie sei zum Hauptträger der Raumfahrtwirtschaft geworden. Die Zahlen dazu: 8,4 Milliarden Dollar Risikokapital flossen 2025 in europäische Deep-Tech-Unternehmen aus Verteidigung, Sicherheit und Resilienz, 52 Prozent mehr als im Jahr davor und etwa das Vierfache von vor fünf Jahren.

Industrialisierung in der Praxis

Der Nachmittag gehörte den Unternehmen. Robert Sproles, CEO von Exolaunch, zeigte, was Industrialisierung beim Transport bedeutet: 890 Satelliten hat das 2011 gegründete Unternehmen mit Standorten in Berlin, Denver, Tokio und Toulouse bereits in den Orbit gebracht.

Martin Langer von OroraTech sprach über Thermalinfrarot aus dem Orbit - Waldbrände werden damit früher und genauer erkannt als mit den bisherigen Wettersatelliten. Sein Weg dorthin hieß „Crawl - Walk - Run“, und seine Liste dessen, was Europa besser machen muss, war die klarste Folie des Tages: Produkte entwerfen statt Projekte, verlässliche Nachfrage schaffen statt nur Demonstrationen zu fördern, Unternehmen von Beginn an für den Weltmarkt bauen - und sich das Scheitern erlauben, um schnell daraus zu lernen.

Im Panel „Industrialisation at work“ diskutierten unter der Moderation von Andreas Geisler (FFG) Radoslav Abadjiev (EnduroSat), Guillaume Lecamp (Hemeria), Dieter Grebner (PEAK Technology) und Alexander Reissner (ENPULSION). Das Publikum stimmte parallel über den größten Engpass beim Hochfahren der Fertigung ab. Vorne lagen regulatorische Anforderungen und langwierige Zertifizierung mit 24 Prozent, dicht gefolgt von fehlenden Fachkräften und industriellen Fähigkeiten mit 22 Prozent. Die Technologiereife kam mit 8 Prozent zuletzt - das Problem liegt also nicht an der Technik.

Carsten Scharlemann (R-Space) benannte die größte Hürde für neue Technologien aus dem Labor: Ohne Flugerprobung kauft sie niemand. Sein Unternehmen fliegt sie darum gesammelt mit, die erste Mission IOD-01 ist nachgewiesen. Den Abschluss machte Maya Pindeus von Another Earth mit synthetischen Erdbeobachtungsdaten: Wo echte Aufnahmen fehlen - abgelegene Regionen, seltene Objekte, ungünstige Wolken -, erzeugt ihr Modell die fehlenden Daten in hoher Auflösung.

Warum das ZRK dort war

Weltraumtechnologie ist für Österreich längst keine Forschungsfrage mehr, sondern eine Frage der strategischen Resilienz: Navigation, Kommunikation, Erdbeobachtung und Zeitsignal hängen an Systemen, die niemandem im eigenen Land gehören und deren Ausfall jede kritische Infrastruktur am Boden trifft. Genau diese Verbindung verfolgt das ZRK im VSSC-Themenstrang seit Jahren.

Zwei Folien dieses Tages haben dieselbe Lücke von zwei Seiten beschrieben: Die ESA will Einzelsysteme zu einem föderierten, redundanten Verbund zusammenführen. Fiona Murray hat gezeigt, dass für genau diese Resilienzschicht niemand zuständig ist. Dazwischen liegt die Arbeit, um die es dem ZRK geht - und deshalb war es in Wien-Flughafen dabei.